Mittwoch, 26. Oktober 2016

Berge oder Meer?

Liebe Leserin, lieber Leser

Ich mag keine Krimis. Beim Essen bin ich offener und teste gerne Neues aus. 

Warum ich Ihnen das anvertraue? Es ist wichtig, von sich selbst zu wissen, was man mag und was nicht und danach zu leben. Tönt sehr logisch! In meiner Arbeit als Psychologin erlebe ich allerdings täglich, dass viele Menschen gerade damit Mühe haben. Sie wissen zwar, was sie wollen und was sie nicht wollen, doch können sie sich nicht danach ausrichten. Sie sagen ja und meinen nein. Sie überladen sich und wundern sich, dass sie Mühe haben, sich abzugrenzen. Sie hegen grosse Selbstzweifel und trauen sich dennoch nicht, Hilfe einzufordern. Sie nehmen sich zu wenig Zeit fürs Essen und stopfen dennoch grosse Mengen in sich hinein. Sie sehnen sich nach einer liebevollen Beziehung und reden selbst sehr gehässig über ihre Partnerschaft. 

Was für ein Programmfehler liegt da vor? Es ist, wie wenn ich Lust auf Meer und Sonne hätte, stattdessen ins alpine Hochgebirge fahren würde und dann enttäuscht und erstaunt feststellen würde, dass mein Gepäck nicht passend ist. Die Wünsche und die Umsetzung liegen weit auseinander. Die eigenen Erwartungen passen nicht mehr auf das eigene Leben. Spannend dabei ist, dass der Fehler für diese Diskrepanzen häufig zu zwei sehr destruktiven Verhaltensweisen führt:

Statt sich selbst zu reflektieren und sich zu hinterfragen, wie man nun korrigierend vom alpinen Hochgebirge zum Meer gelangt, ist das erste destruktive Verhaltensmuster der Selbstzweifel: Sehr viele Menschen investieren bei Fehlern in ihre meist schon gut genährten Selbstzweifel. Das zweite destruktive Verhalten, das sehr häufig mit ersterem zusammen auftritt (die beiden scheinen gute Freunde zu sein), ist, Vorwürfe gegen aussen hin auszusprechen. Vorwürfe zielen meist auf das nächste Umfeld ab (Chef, Partner, Nachbarn, Wetter, Wochentag etc.) und hätten eigentlich das Ziel, von eigenen Selbstzweifeln abzulenken. Externe Attribution nennt es die Fachwelt, wenn man anderen Personen oder Dingen die Verantwortung für eine Situation zuschreibt. Externe Attribution dient der Psychohygiene, weil es befreit. Doch ein Zuviel davon ist so wenig gesund und sympathisch wie ein Zuviel an Selbstzweifeln: Wir kennen sie alle, diese Ewignörgler. Sie sind nicht beliebt – weder vom Umfeld, das mit ihnen zusammenleben oder –arbeiten muss, noch von sich selbst. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb sowohl, die Selbstzweifler und die Fremdkritiker, wie auch die Kombinatoriker von beidem, häufig sehr unglücklich sind. Sie sitzen in ihrem Leben fest, setzen ihre Energien in Selbstzweifel und Vorwürfe gegen aussen um, was einer Stagnation der Situation gleichkommt und müssen mit ansehen, wie sie von lauter glücklicheren Menschen überholt werden. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie sich durch Ihre Selbstzweifel oder die Reaktion durch Vorwürfe „an-die-Hand-genommen-fühlten“? Weder Selbstzweifel noch Vorwürfe bündeln positive Energien. 

Was denn wäre aber die Alternative? Zuerst ist es wichtig, seine Ziele zu kennen und sein Verhalten danach auszurichten. Passieren dennoch Fehler – kann ja zwischendurch passieren, dass ich tatsächlich auf dem alpinen Gipfel lande statt am Meer – so hilft es, wenn ich den Humor, den Verstand, oder einen guten Freund um Hilfe bitte.

Ich wünsche Ihnen Klarheit und Mut, sich für sich selbst und die eigenen Ziele und Werte einzusetzen!