Dienstag, 10. Juni 2014

War oder wahr?

"Die Psychiatrie wird im Jahr 2014 die weitaus wichtigste medizinische Disziplin sein."
Das lese ich heute Abend im NZZ-Folio 6/2014. Verblüffend, dass das Zitat vor genau 50 Jahren geschrieben wurde. Der Autor, Herr Isaac Asimov (1919 - 1992) war ein russisch-amerikanischer Sachbuch- und Science-Fiction-Verfasser. Und, stimmen seine Prophezeihungen? Sind sie wahr geworden?

Wahr ist, ...

... dass in der Schweiz täglich vier Personen Suizid begehen.

... dass jeder 5. Arbeitnehmer unter psychischen Erkrankungen leidet.
http://www.wido.de/fileadmin/wido/downloads/pdf_pressemitteilungen/wido_pra_pm_fzr12_082012.pdf
 ... dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen und die Krankheitschreibungen aus psychischen Gründen in den vergangenen 10 Jahren mehr als verdoppelt haben.

... dass schweizweit rund doppelt so viele Erwerbstätige über eine grosse oder teilweise grosse psychische und nervliche Belastung am Arbeitsplatz (41%) wie über eine grosse oder teilweise grosse körperliche Belastung am Arbeitsplatz (23%) berichten. https://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=en&msg-id=28328
 
... dass zwei Drittel der Erwerbstätigen über Stress oder Zeitdruck berichten. Auch kommen Spannung am Arbeitsplatz (36%) und Nervosität (33%) oft vor. Rund 10% der Erwerbstätigen verspüren gar Angst bei ihrer Arbeit. https://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=en&msg-id=28328

... dass psychische Erkrankungen die Schweiz 15 Mia CHF pro Jahr kosten. über die Hälfte sind indirekte Folgekosten wie Produktivitätseinbussen, Arbeitsausfall udn Frühpensionierung. http://www.mediadesk.uzh.ch/articles/2013/depressionen-kosten-ueber-zehn-milliarden.html

Ich lese weiter in Herrn Asimovs Prognosen:
"Die Menschheit wird weitgehend zu einer Spezies von Maschinenbeaufsichtigern geworden sein, und auch die Schulen werden sich darauf ausrichten."
Mein Handy surrt, doch ich bin im Dilemma, weil gleichzeitig der Steamer pfeifft. Unterbrochen beim Lesen werde ich trotzdem und muss nach den Maschinen schauen. Schlafen die Kinder, rufen die Maschinen. Offenbar also doch wahr, was Herr Asimov vor 50 Jahren schrieb?

Wieder zurück im Text lese ich weiter:
"Die bedrückendste Spekulation, die ich zum Leben im Jahr 2014 äussern kann, lautet: Das Wort, das im Vokabular jener künftigen Gesellschaft voller erzwungener Freizeiten den schillerndsten Klang haben wird, heisst "Arbeit"!"
War nun Herr Asimov ein Wahrsager? Oder war er einfach seiner Zeit voraus und lebte bereits das, was für uns Alltag geworden ist: Die Vermischung von Phantasie und Wirklichkeit, von Raum und Zeit, von Beruf und Privatleben, von Freizeit und Zwang? War das nun oder ist es wahr - das ist nun die Frage! Bzw. wenn das alles ein- und dasselbe geworden ist, so frage ich mich ernsthaft, ob wir uns nicht alle die eine Schulstunde hätten sparen können, damals als es um das Merkblatt "war oder wahr" ging. Mögen Sie sich auch noch daran erinnern? Wahr das langweilig! (Nein, das war kein Tippfehler, sondern eine gewollte Wortspielerei)
Herr Asimov konnte die Zeit vorwärtsdrehen. Wir hingegen können sie nicht rückwärtsdrehen. Das ist doch wahrlich nicht fair! Warum soll das eine gehen und das andere nicht?
Ich beschliesse, künftig noch intensiver im Hier und Jetzt zu leben, um mich all diesen Dilemmas weitgehendst zu entziehen. Und ich rate Ihnen dringendst, es auch so zu tun! Die Wahrheit war vielleicht einmal. Oder stimmt jetzt auch: Die Warheit wahr vielleicht einmal? Wahrum nur ist das alles immer so kompliziert?