Montag, 21. November 2016

Black Story



Liebe Leserin, lieber Leser

Kennen Sie „black stories“? Das sind rätselhafte Geschichten. Geschichten, die man  sich erzählt, um danach nach Gründen zu suchen, weshalb sich eine Person so verhält oder eine Situation so passiert ist, wie eben geschildert wurde. Oft erzählt man sich black stories in Gruppen und rätselt gemeinsam. Ich möchte Ihnen eine erzählen: 

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit eine Person – sie war etwa in Ihrem Alter – vielleicht etwas jünger, vielleicht etwas älter. Diese Person, sagen wir, es sei ein Mann, führte ein ganz normales Leben. Am Morgen stand er auf, erledigte seine Morgentoilette, ass ein währschaftes Vollkornmüesli und trank einen doppelten Espresso bevor er auch seine drei Goldfische fütterte. Dann studierte er das Wetter-App auf seinem Natel, um zu entscheiden, ob er seinen Schirm mitnehmen soll. Drei Busstationen war sein Zuhause von seinem Arbeitsort entfernt. Sein Arbeitsplatz befand sich im 13. Stock eines Hochhauses. Wenn er den Lift betrat und alleine drin war, furh er bis zum 9. Stock. Dort stieg er aus, um die restlichen 4 Stockwerke zu Fuss zu bewältigen. Bei Regenwetter oder wenn er sich nicht alleine im Lift befand, fuhr er indes immer bis zum 13. Stockwerk hoch. Tagsüber fiel er nicht gross auf. Am Abend betrat er den Lift immer schon im 13. Stockwerk und drückte den 0-Knopf. Nie lief er die 4 Stockwerke runter bis zum 9. Stock. Wie erklären Sie sich das komische Liftverhalten des Mannes?

Lösung: Der Mann war kleinwüchsig. Er erreichte im Lift just den 9. Knopf und lief deshalb die 4 Stockwerke zu Fuss bis zum 13. Stock hoch. Waren andere Leute mit im Lift, bat er sie, an seiner Stelle die 13 zu drücken. Führte er seinen Regenschirm mit, so erreichte er ebenfalls den Knopf. Beim Herunterfahren am Abend musste er lediglich die 0 drücken, was ihm keine Mühe bereitete.

Weshalb ich Ihnen diese Geschichte erzähle? Vielleicht fragen Sie sich gerade, ob es ethisch vertretbar ist, ein Rätsel über einen Kleinwüchsigen zu machen? Ja, doch dazu komme ich später. Ich habe Ihnen diese Geschichte erzählt, weil sie so menschlich ist. Wir alle Mankos/Bürdelis/Defizite/Befangenheiten/Behinderungen/....

Die einen eher körperlicher, die anderen eher sozialer, emotionaler oder geistiger Art oder eine Kombination aus Verschiedenem. Ob der Mann ein erfülltes Leben führt und mit seinem Job zufrieden ist oder nicht, lässt sich nach der kurzen Geschichte nicht ableiten. Genausowenig ob er glücklich oder unglücklich ist. Über ihn lässt sich daher noch gar kein Urteil bilden. Es ist schlicht zu wenig Wissen da. Oder doch? Etwas an ihm macht aus, dass er mir sehr sympathisch ist. Er steht zu seinem Manko und bittet um Hilfe - wenn denn welche da ist. Oder er nimmt es gelassen hin wie es eben ist und findet eine eigene Lösung, indem er den Regenschirm zu Hilfe nimmt oder die 4 Stockwerke eben einfach zu Fuss zurück legt. So einfach ist es doch! Und genau deshalb ist das Rätsel nicht unethisch, sondern sogar lehrreich!

Wir alle sind uns unserer Mankos sicher sehr bewusst und wissen, wo wir nicht alleine zu unseren Zielen kommen. Wie sourverän hingegen verhalten wir uns, wenn es darum geht, um Hilfe zu bitten? Um Hilfe zu bitten heisst, zuzugestehen, nicht perfekt zu sein. Um Hilfe zu bitten, weil die eigenen Kräfte oder das eigene Vermögen nicht ausreichen, braucht Mut.
Wir Menschen sind soziale Lebewesen. Anderen zu helfen kann uns selbst bereichern. Geben Sie doch da und dort jemandem die Chance, Ihnen zu helfen – Sie bereichern damit ein anderes Leben! Und vielleicht steckt es ja an, denn eine beschenkte Person gibt gerne zurück und bereichert dann als nächstes vielleicht Sie? 

Das Leben ist ein Geben und Nehmen! Ich wünsche Ihnen die nötige Gelassenheit, zu Ihren eigenen nicht perfekten Seiten zu stehen! Wir sind eben alle doch „nur“ Menschen. 

Herzlichst, Franziska Bischof